Interview mit Michael Steven vom NABU zum Thema Artensterben

Das Jahr 2019 begann mit der schlechten Nachricht, dass immer mehr Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Die ProEngeno GmbH & Co. KG als hiesiger Ökostrom- und Ökogasanbieter sorgt sich um die Umwelt. Wir fragen uns, inwieweit, in welchem Ausmaß wir in Ostfriesland vom Artensterben betroffen sind. Außerdem wollen wir wissen, was dagegen unternommen wird und ob es schon Fortschritte gibt. Nachgefragt haben wir bei Michael Steven. Er ist der Leiter der Ökologischen NABU-Station Ostfriesland in Wiegboldsbur (Gemeinde Südbrookmerland, Landkreis Aurich).

 

Welche Arten sind hier bei uns in Ostfriesland bedroht?

Das ist schwierig, für einzelne Arten zu sagen. Ich kann Ihnen Artengruppen nennen. Im Grunde genommen sind es alle Bodenbrüterarten und Wiesenvögel wie z.B. die Uferschnepfe oder der Brachvogel. Bei Küstenvogelarten ist es etwa der Säbelschnäbler, der Sandregenpfeifer oder die Strandseeschwalbe. Bei den moortypischen Vogelarten sind es z.B. die Bekassine und die Trauerseeschwalbe. Der Neuntöter ist eine Singvogelart, die in Hecken brütet und gleichzeitig extensiv bewirtschaftetes und an Insekten reiches Grünland benötigt. Der Vogel des Jahres, die Turteltaube, ist wahrscheinlich schon ausgestorben. Der Seeregenpfeifer und der Kampfläufer sind auch schon ausgestorben. Die gibt es nicht mehr in Ostfriesland. Das Birkhuhn kann man seit den 1980er Jahren auch dazu zählen. Aktuell sehr bedroht ist das Rebhuhn.

Was sind die Ursachen?

Es ist in vielen Bereichen eine Folge der Intensivierung der Landwirtschaft, die den Bauern vielfach durch die Agrarpolitik aufgezwungen wurde. Es sind keine Insekten da, die die Insektenfresser für ihre Küken brauchen. Es werden zu viele Gifte eingesetzt, die direkt die Insekten schädigen oder die Kräuter töten, an denen die Insekten leben. Alle extensiven Nutzungsformen mit Weidetieren sind stark rückläufig. Früher gab es in den Moor- und Heidegebieten sehr viel Schafhütung, also dass Schäfer mit ihren Schafen und Ziegen unterwegs waren. Das gibt es schon lange nicht mehr, so dass die nicht vernässbaren Moorrandbereiche und Heidegebiete mit Gehölzen zuwachsen. Inzwischen geht auch die Weidehaltung von Rindern stark zurück. Gerade Weidetiere haben in vielfacher Hinsicht eine Schlüsselfunktion für Insekten.

 

Inwiefern?

Auf verschiedenen Ebenen. Was sich allein im Kuhfladen von nicht mit Medikamenten behandelten Rindern an Insekten und Käfern und Würmern ansammelt. Dadurch, dass die Kühe Gras fressen, schaffen sie Platz für Licht liebende Kräuter auf den Weiden. In offenen Bodenstellen, geschaffen durch Trittflächen, werden Larven und Eier abgelegt, weil die gut erwärmt werden durch die Sonne.

 

Welche Faktoren wirken sich noch negativ auf die Tier- und Pflanzenwelt aus?

Ein Faktor ist der Wasserhaushalt, der auf vielen Flächen verändert wurde. Zu viele Flächen wurden zu stark entwässert. Das betrifft die Moore ebenso wie die früher nassen Wiesen und Weideland. Durch Drainage, durch Gräben und Grüppen ist das viel intensiver der Fall als früher. Das hat viele Arten in Bedrängnis gebracht, die diese Lebensräume zum Überleben brauchen. Ein anderer Faktor ist, dass zu viele Nährstoffe in der Landschaft sind. Einerseits durch die Landwirtschaft mit der Ausbringung von Gülle und Kunstdünger, aber auch durch Verkehr oder in Form von Siedlungsabwässern. Die Betriebe haben keine Kreislaufwirtschaft mehr wie es früher war, sondern importieren Futter. Die Nährstoffe, die damit in den Betrieb gelangen, müssen als Ausscheidungen der Tiere wieder untergebracht werden in der Landschaft. Nährstoffarme Lebensräume sind immer seltener geworden. Es kommt zu Ausdünstungen von Ammoniak oder Verdriftungen nährstoffreicher Stäube, die über Niederschläge selbst in nährstoffarme Lebensräume wie Moore oder magere Wiesen getragen werden. Das führt auch dazu, dass durch Nährstoffe geförderte Gräser dominant werden und andere Arten verdrängen. Das ist einer der Hauptgründe, die auch für das Verschwinden vieler Schmetterlinge verantwortlich gemacht werden. Die vertragen das hohe Stickstoffangebot in der Landschaft nicht. Nicht vergessen darf man aber die schlimmen Auswirkungen der Zersiedlung der Landschaft durch immer größere Wohngebiete, Gewerbegebiete und Straßenbau. Durch die Bebauung werden Lebensräume zerstört, aber auch die Populationen von Arten zerrissen. Dies führt zu Inzucht und verringerter Überlebensfähigkeit der kleiner werdenden Vorkommen.

 

Also zusammengefasst kann man sagen

…dass die wesentlichen Gründe Gifte, Dünger, Entwässerung und direkte Lebensraumzerstörung sind. Und der Verzicht auf extensive Nutzungsformen hat zu Rückgängen von Arten geführt. Ich habe eben nur Vögel aufgeführt. Man könnte reihenweise Amphibien, Reptilien, Schmetterlingsarten ergänzen oder auch Pflanzen. Durch alle Artengruppen hindurch kann man sagen, dass alle Arten, die auf magere, feuchte, extensiv genutzte Flächen angewiesen sind, stark rückläufig sind.

 

Wie lange ist das schon der Fall?

Das ist ein Prozess, der mit der Erfindung des Stickstoff-Kunstdüngers eingesetzt hat im 19. Jahrhundert. Nach dem Krieg ist der Prozess beschleunigt abgelaufen. Durch Intensivierungsmaßnahmen, um die Leute nach dem Krieg erstmal satt zu machen. Die EU hat das seit den 1970er Jahren noch mal forciert mit Anreizsystemen in der Agrarförderung. Die Landwirtschaft war auf Ertragsmaximierung aus, ohne Rücksicht auf Folgeschäden in der Landschaft. Inzwischen wird das immer sichtbarer. Indem es auch die Menschen betrifft über Trinkwasser, das gefährdet ist, und in Schäden in der Biodiversität. Das wiederum wirkt sich aus auf die Fruchtbarkeit von Nutzpflanzen, weil die Gegenspieler der Schadinsekten ausfallen.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?

Natürlich kommt es in letzten Jahren auch vermehrt vor, dass Niederschläge fehlen. Wo es im Frühjahr feucht war, ist es jetzt trocken. Dadurch setzt auch das Graswachstum auf sonst zunächst nassen Flächen schneller ein. Kiebitze und Uferschnepfen lassen sich gar nicht mehr auf solchen Flächen nieder. Dadurch dass großflächig Grabensysteme und Stillgewässer ausgetrocknet sind, gingen viele Fische und Wasserinsekten zu Grunde. Und in den Mooren hat man festgestellt, dass die Dürre zu einer Wasserstandsabsenkung geführt hat. Sobald die Wasserstände sinken und Sauerstoff an den Torfkörper rankommt, beginnen Zersetzungsprozesse. So ähnlich wie im Komposthaufen. Das führt zu CO2-Freisetzung, zu Nährstofffreisetzung aus Torf und hat die gleichen negativen Folgen wie die Düngung. Das führt auch dazu, dass die Feuchtigkeit benötigenden Tier- und Pflanzenarten schlechtere Überlebensmöglichkeiten haben.

 

Was wird dagegen unternommen?

gibt schon Gegenstrategien. Das Natura-2000-Konzept der EU. Die Unterschutzstellung von Gebieten sowie die nachfolgende Verbesserung des ökologischen Zustands. In Niedersachsen hinkt man jedoch stark hinterher, die Umsetzung auch zu vollziehen. Wenn man eine Fläche wieder so nass kriegen will, wie sie früher mal war, muss man Eigentümer der Fläche sein, weil sonst privat niemand dem zustimmen würde. So gesehen fehlt es an einer schlagkräftigen Verwaltungsstruktur auf Landesebene, die die Verbesserung der Gebiete in Angriff nehmen kann. Zur Umsetzung fehlen Geld und Manpower. Das Wichtigste ist halt, man muss Flächen für die erforderlichen Maßnahmen zur Verfügung haben. Manches geht mit den Eigentümern und Bewirtschaftern in einem guten Miteinander. Aber jede Einschränkung hinsichtlich der Bewirtschaftbarkeit ihrer Flächen kann für die Landwirte heutzutage zur Existenz bedrohenden Krise werden. Wir verstehen die landwirtschaftlichen Betriebe inzwischen als einen erhaltenswerten Teil des Schutzgutes der Schutzgebiete. Die Landwirte würden nach unserer Erfahrung in der Regel viel lieber mit der Natur wirtschaften, wenn sie denn nur könnten. Daher versuchen wir zusammen mit der Landwirtschaftskammer, Landvolk und den Naturschutzverwaltungen auch Lösungen zu entwickeln, die den Betrieben in den Schutzgebieten eine gute Perspektive mit dem Naturschutz liefert.

 

Es hapert also am Geld?

Geld, an der Manpower und an der Flexibilität der Förderstrukturen. Die Naturschutzverwaltung ist bislang zu schwach ausgestattet, um wirklich voranzukommen. Wir können in mancher Hinsicht auch von den Niederländern lernen, die teilweise eine höhere Effizienz beim Einsatz der Agrarförderung erreichen. Und schließlich muss man auch sagen, dass es bislang am Willen und der Entschlossenheit fehlte, wirklich den Fehlentwicklungen entgegen zu steuern. Mit den richtigen Angeboten ist es keineswegs ein Gegeneinander von Naturschutz und Landwirtschaft. Unser Ziel ist es, dass es zu einem Miteinander kommt.

 

Kann auch jeder einzelne von uns etwas tun?

Tja. Man hat Einfluss, wie man einkauft. Bei Bioprodukten aus heimischer Biolandwirtschaft weiß man zumindest, dass keine Gifte verwendet werden und in der Regel wenig Futterimporte aus Übersee verwendet werden. Beim Kauf von Rindfleisch oder Milchprodukten kann man auf die Herkunft aus Weidehaltung achten. Jeder, der Flächen verfügbar hat, kann dafür sorgen, dass die Flächen so gepflegt oder bewirtschaftet werden, dass die Arten auch wieder besser zurechtkommen, dass weniger Stickstoff drauf kommt, die Bewirtschaftung nicht zu intensiv ist, die Entwässerung zurückgenommen wird. Eine endlose Liste, wenn man in die Feinheiten einsteigen wollte. Für manche gefährdeten Insektenarten wie Wildbienen und Solitärwespen hat man hervorragende Möglichkeiten, Lebensraum im eigenen Garten anzubieten. Man sollte darüber nachdenken, wie man einen Teil seines Rasens in einen Lebensraum für Heuschrecken oder Schmetterlinge verwandeln kann. Statt Lebensbaum- und Steinbeet-Ödnis könnte man heimische Gehölze und blühende Stauden pflanzen. Anstelle eines Fischteichs könnte man seinen Gartenteich in einen Lebensraum für Grasfrosch, Molche und Libellen umwandeln. Und der Verzicht auf unnötiges Licht im Garten kann Nachtschmetterlinge schützen, die vor allem von kurzwelligem Licht in ihr Verderben gelockt werden.

 

Was kann ein Ökostrom- und Ökogasunternehmen wie ProEngeno tun?

Wenn das Unternehmen eigene Flächen hat, kann es die schon benannten Möglichkeiten der Förderung von Insekten und Arten vorantreiben. Auch in den Grünanlagen des Betriebs könnte man auf heimische Pflanzen setzen statt toter Grünversiegelung. Eine Möglichkeit besteht natürlich auch darin, Naturschutzprojekte zu unterstützen. Der Wiesenvogelschutz ist etwas, das für Jemgum passen würde. Das Rheiderland ist ein Schwerpunkt für den Wiesenvogelschutz. Das Unternehmen kann sich für eine hohe Sensibilität bei der Auswahl von Ökostrom-Produktionsflächen sowie bei der Einhaltung von Artenschutzstandards z.B. bei Windmühlen einsetzen. Dies hilft auch bei der Akzeptanz. Auch die Kommunikation über eigene Anstrengungen zur Unterstützung von Artenschutz und Biodiversität und die Aufforderung zur Nachahmung in Richtung zu Kunden und Lieferanten wäre gut. Kurzum: Mit gutem Beispiel vorangehen!

 

Unterscheidet sich Ostfriesland beim Artensterben von anderen Regionen oder sitzen wir alle in demselben Boot?

Betroffenheit insgesamt ist gleich. Es gibt regionale Unterschiede aufgrund von klimatischen Rahmenbedingungen. Bei uns ist es die Meeresnähe, in Sachsen eher der kontinentale Einfluss. Bei uns kommen manche Schmetterlingsarten gar nicht vor, die es woanders gibt. Die Lebensraumansprüche sind verschieden. Lange Zeit war der landwirtschaftlichte Strukturwandel aber in Ostfriesland noch nicht so weit fortgeschritten wie andernorts. Doch die Region droht hier aufzuholen. In Ostfriesland haben wir eine besondere Verantwortung für das Überleben von Kiebitz, Uferschnepfe, den nasse und zugleich nährstoffarme Wiesen bewohnenden Tier- und Pflanzenarten, den Arten des Wattenmeeres inklusive seinen Salzwiesen und Stränden sowie den Bewohnern der Hochmoor-Lebensräume. Wenn wir hier versagen, werden es viele Arten in Deutschland wahrscheinlich überhaupt nicht schaffen.

 

Wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern da?

allgemein hat ein Riesenproblem. Aber andere Länder sind im Vergleich zu Deutschland nicht selten schon fortschrittlicher: Die Niederländer, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien. Die tun inzwischen mehr für den Erhalt: Sie haben mehr Schutzgebiete ausgewiesen und die Rahmenbedingungen darin oftmals konsequenter hin zu einem besseren Zustand entwickelt. Auch die Nutzung der von der EU gesetzten Fördermöglichkeiten für den Naturschutz scheint flexibler und kreativer zu sein.

 

Wieso ist Deutschland da so schlecht?

Hier wird ein sehr hoher Flächenanteil intensiv genutzt und die Zersiedlung der Landschaft ist sehr weit fortgeschritten. Die besonders starke Intensivierung der Landnutzung in Deutschland hat seine Wurzeln im Zweiten Weltkrieg. Darüber hinaus wurde die Naturschutzbewegung, die um die Jahrhundertwende begonnen hatte, von den Nazis missbraucht und in der Folge geschwächt. Das durch Naturschutzstiftungen angehäufte Vermögen ging durch die Geldentwertung verloren. Erst in den 1970er Jahren fasste die Naturschutzbewegung wieder Tritt. In anderen Ländern hat es mehr Kontinuität gegeben. Es hat sich auch ein anderes Bewusstsein für den Umgang mit der Natur entwickelt. In Großbritannien ist Vogelbeobachtung eines der größten Hobbys und Umweltverbände und Stiftungen verfügen über Millionen von Mitgliedern. In den Niederlanden ist das ähnlich.

Zur Person

Der Biologe Michael Steven (51) ist Leiter der Ökologischen NABU-Station Ostfriesland in Wiegboldsbur in der Nähe vom Großen Meer in Südbrookmerland (Landkreis Aurich). Auf der Grundlage einer Kooperationsvereinbarung vor allem mit den Landkreisen Aurich, Emden und Wittmund hilft die Station bei der Betreuung von Schutzgebieten und wird dafür vom Land Niedersachsen gefördert. Das sind 30 000 Hektar in Ostfriesland. Die seit 2016 bestehende Station mit vier Mitarbeitern kümmert sich u.a. um Wiesenvogel-Schutzmaßnahmen. Es werden runde Tische veranstaltet, um Maßnahmen abzustimmen. Es wird versucht, Flächen zu verbessern. Da das oft Geld erfordert, werden Förderanträge gestellt und Konzepte ausgearbeitet. Die kooperative Zusammenarbeit mit Landwirten und anderen Landnutzern spielt eine wichtige Rolle.

Aktuelles | Informationen | 13.12.2019

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